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Sequences of the Wind
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Windsequenzen für Flöte und Ensemble (UA 1975, Budapest)
Die Windsequenzen wurden 1975 in Budapest uraufgeführt. Sie wurden
vom Komponisten zweimal überarbeitet: die letzte, heute gültige
Version stammt von 2002. Mit Ausnahme von Kontrabass und Schlagzeug umfasst
die Besetzung ausschliesslich Instrumente, deren Ton mit Luft erzeugt
wird: vier teils unterschiedlich gestimmte Flöten, Oboe, Englischhorn,
zwei Klarinetten und Bassklarinette, Tuba und Akkordeon. Die Oboe its
ausserdem für die “Windimitation” zuständig, und
in der sechsten Sequenz (“Südwind”) gibt es einen eigenen,
mit “Wind” bezeichneten Notenpart in grafischer Notation.
Das Schlagzeug - Grosse Trommel, zwei Becken und zwei japanische Windglocken
- wird nicht nur als Rhythmusinstrument eingesetzt, sondern unterstützt
die Bläser auch klangfarblich.
Die Assoziationen, die der Titel auslöst, werden also durchaus wörtlich
genommen und auf spielerische Weise in Klang transformiert. Auf welch
fantasievolle Weise dieser Prozess der Musikalisierung von naturgeräuschen
geschieht, zeigt sich bei “Windstille I”, mit der das Stück
beginnt. Es ist ein Duett der ungleichen Partner Flöte und Grosse
Trommel, in das gegen Schluss ein leiser Lufthauch in Form eines kaum
wahrnehmbaren Vierklangs aus Tuba, Akkordeon und leisem Pfeifen hineinbläst.
Eötvös´ Klangvorstellungen basieren auf präzisen
instrumentalen und akustischen Kenntnissen: Die Flöte wird unten
mit einem Flaschenkorken zugestopft, wodurch nur die ungeraden Obertöne
erzeugt werden: gespielt wird nur mit geschlossenen Klappen, also vollständig
geschlossenem Rohr, so dass der Ton durch Überblasen über dem
Grundton entsteht. Ebenso erfinderischt ist “Windstille II” gestaltet,
mit der das Stück endet: Geheimnisvolle Cluster des Akkordeons werden
von glissandierenden Windgeräuschen auf den Silben “i” und “u” sowie
sparsamen Einwürfen von Tuba und Flöte in den Extremlagen begleitet.
Die von der Windstille eingerahmten Hauptstücke der Komposition
- die drei Sequenzen des Bergwindes, die sieben extrem kurzen des Wirbelwindes,
die leichte, entspannte Sequenz des Morgenwindes und die vier Charaktere
des Seewindes - sind über ihre subtile poetische Bildhaftigkeit
hinaus Musterbeispiele für einen konstruktiven Umgang nicht nur
mit Grössen wie Dynamik, Klangfarbe und Dichte: durch die gezielte
Erzeugung von Differenztönen entsteht auch ein grosser Reichtum
an harmonischen Wirkungen.
Max Nyffeler (2007 Zürich, Tonhalle)
Peter Eötvös, der in den 70-er Jahren in Deutschland lebte,
interessierte sich für die Intervalle, die zwischen den Obertönen
bestehen. In seinen Windsequenzen aus dem Jahre 1975 bilden diese
Intervalle den Ausgangspunkt für eine höchst poetische Musik,
die dennoch auf einer strengen Struktur basiert: Grundlage ist ein akustischen
Phänomen: Dass nämlich zwei gliechzeitig erklingende Töne
einen Differenzton erzeugen, der unter bestimmten Bedingungen gleich bleibt,
auch wenn die Töne ihre Höhe ändern. Zwei ruhende Töne
dieser Art durchziehen die gesamten Windsequenzen. so hat Eötvös
eine Art Sinnbild des Paradoxons komponiert, von dem der Zen-Buddhismus
spricht: Ruhe in der Bewegung, Bewegung in der Ruhe.
Die poetischen Titel der einzelnen Sätze, von der Windstille
über Berg-, Wirbel- und Seewinde bis hin zu Winden
aller Himmelsrichtungen sind nachträgliche Assoziationen. Gleichwohl
ist der Wind in diesem Stück sogar in die Partitur eingeschrieben:
Der Oboist "bläst" ihn ohne Instrument mit den Lippen,
in auf- und absteigenden Linien bildet er den Verlauf der Oberton-Intervalle
nach. Eine Form der Klangrede auch hier: Die Sprache eines überpersönlichen
Geschehens, eine Botschaft aus der Natur.
Der letzte Satz der Windsequenzen heißt wie der erste:
Windstille. Dass man dennoch etwas hört, ist kein Widerspruch:
Die Klänge eines Quartetts aus Wind, Tuba, Akkordeon und Flöte
scheinen jedem menschlichen Zugriff entzogen zu sein und nur noch aus
dem klingenden Kosmos zu uns herüberzuwehen. Eötvös, in
dessen Leben und Werk die natur einen großen Platz einnimmt, tritt
hinter ihren Klängen ehrfurchtsvoll zurück.
Kornelia Bittmann (WDR 2002)
"However strongly this may be suggested by the title, the composition
is not programmatic or illustrative in character.
The poetic titles to the movements are taken from subsequent associations.
The essence of the series of movements is the familiar Zen paradox of
calm in movement and movement in calm, an immobility that always contains
the potential for motion. It has no object, as it signifies a readiness
for action of any kind. For this philosophical content Eötvös
sought technical solutions and musical means."
András Wilheim
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