Replica texts
texts

Im Sommer 1997 wurde Peter Eötvös von der Filarmonica della Scala di Milano gefragt, ob er ein Stück für sie schreiben wolle. Der Komponist, damals mitten in der Arbeit an seiner ersten Oper Three Sisters (1996/97 UA Lyon, 13.3.1998), hatte sofort die Idee, nicht ein reines Orchesterwerk zu schreiben, sondern ein Solokonzert für Viola und Orchester. Die gleichzeitige Arbeit an der Oper war für das entstehende Konzert nicht ohne Bedeutung. Eine der Grundhaltungen des Konzertes, der 'Abschied', verweist dezidiert auf die alle drei Sequenzen der Oper abschließende große Abschiedsszene. Die Konzeption des Stückes entstand dann sehr bald, die endgültige Niederschrift erfolgte im Herbst 1998.
Neben der grundlegenden Abschiedsstimmung wird so schnell ein weiteres Thema deutlich: der Dialog. Im weiteren Verlauf der Partitur wird die Solobratsche dann zwar als ein ganz freies, geradezu 'eigen-sinniges' Individuum greifbar, das sich nur selten zu einem Gleichschritt mit dem Orchester entschließen kann, und dies, obwohl sie durchaus mit einzelnen Instrumenten kommuniziert. Und eine Sonderrolle kommt in dieser Auseinandersetzung gerade der dem Solo korrespondierenden Gruppe der Bratschen zu. Aus dem Kontakt der Solobratsche mit den fünf Orchesterbratschen erklärt sich denn auch der Titel des Stückes. Replica: das heißt Antwort, Erwiderung, Wider-Rede, ein beständiger Dialog, das heißt: Antworten, die noch mehr Fragen provozieren. Und in diesem Dialog entwickeln sich im Orchester, und besonders bei den Bratschen Haltungen: Unterstützung, Fragen, Auseinandersetzung, Kritik. In der Auseinandersetzung, aber auch im vollen Orchestertutti hält die Solobratsche den Fragen und Repliken stand, geht unbeirrt weiter, scheint manchmal fast im Tutti unterzugehen. Doch dann ist ihre Stimme wieder da, zugleich zart und bestimmt erwidert sie, geht unbeirrt weiter. So entsteht eine Partitur aus einem Dialog, der die verschiedensten Argumente zu Wort kommen läßt, die 'wie dei Splitter eines Spiegels' (Kashkashian) ein Bild zurückwerfen, dessen Ur-Bild nur noch zu ahnen ist.
Birgit Gotzes

(nach einem Gespräch mit Peter Eötvös und Kim Kashkashian)